P r o j e k t b e s c h r e i b u n g
Künstlerische Quellen - Sources

The Seven Deadly Sins

 

LUKAS MAXIMILIAN HÜLLER / Etienne Tombeux


INTENTION


Ausgangspunkt war die Zusammenarbeit der beiden Protagonisten, die daran gewohnt sind, auf der Grundlage eines Drehbuches gemeinsam an der Realisierung von Panoramaphotographien mitzuwirken, einer hybriden Disziplin zwischen Photographie und Kinematograph. Dabei handelt es sich um Sequenzen, bei denen mit Bewegungslosigkeit, Dauer und Entwicklung gearbeitet wird.

Der Bezug zum „radförmigen“ Gemälde von Hieronymus Bosch (Todsündentisch) eröffnete ein Untersuchungsfeld, bei dem die lineare Struktur der Erzählung, ihre dramatische Fortführung aufgebrochen und diese (durch die Weiterentwicklung einiger dieser Momente) zur Malerei zurückgeführt wird (die - wenn sie gut, effizient ist - bekanntlich niemals unbeweglich ist).

Bei der Wiederaufnahme des Themas der 7 Todsünden, bei dem Bosch das Motiv von Leben und Tod und den religiösen Verwendungszweck als Einheit auffasst, handelt es sich darum, dieses Thema unter dem Blickwinkel einer laizistische Ethik neuerlich zu befragen und zu untersuchen (wobei der Zweifel mit ins Spiel kommt: Was sieht man, was sieht man nicht, was lesen wir heraus, was interpretieren wir aus dieser Wirklichkeit und wie nehmen wir sie wahr?)




ARBEITSWEISE

Mit dem Einsatz des Zweifels wird versucht, auszuloten, wie sich das Treibgut auf einen bestimmten Zufall ausrichtet. Eine Art Poetik beeinflusst die Arbeitsweise.
Zuerst verwenden wir genauso wie Bosch zu seiner Zeit ein entsprechendes ikonographisches Arsenal (*), doch handelt es sich dabei nur um Bezugspunkte und nicht um Werke als Vorbilder.
Von Bosch haben wir außerdem eine gewisse Volksnähe übernommen (und heutzutage eignet sich die fotografische Herangehensweise gut dafür). Doch dort, wo Bosch auf moralische Erbauung setzt (dieses Gemälde war ursprünglich für religiöse Zwecke bestimmt und hat diese auch beibehalten), mit Volksszenen aus dem Alltagsleben, die parodistisch behandelt werden, hat man es bei den Seven panoptical Sins mit einer Allegorie der Parodie zu tun. Bei Bosch bleibt die Umgebung lebensnah (und sogar natürlich, freundlich), bei den Seven panoptical Sins hingegen ist sie bereits ein wenig (Völlerei), mehr oder weniger (Zorn) oder zur Gänze verkommen (Trägheit) oder aber künstlich (Stolz). Um (dem Rahmen) zu entkommen, muss man auf die Wissenschaft der Phantasielösungen, muss man auf die Pataphysik zurückgreifen. Wenn der Besucher also in einem Bild einen Bezug von Zeichen, Referenzen oder gedanklichen Assoziationen entdeckt, dann heißt das, dass diese im Bild auch enthalten sind!

Jedes der sieben Bilder liefert Stoff für ein Suchspiel, und zwar nicht nur jedes für sich, sondern auch gemeinsam mit den sechs anderen (Einfache Beispiele: Suchen Sie das Kreuz, die Feder, die Hand, die vergehende Zeit, die Tiere). Jeder dieser sieben Kreise nährt sich von den anderen, die verschiedenen Bilder teilen und tauschen die „Dinge“ (untereinander) aus. Das hängt mit einem gemeinsamen schöpferischen Ansatz zusammen, der zu einem „work in progress“ führt, der das Gesamte prägt und ihm seinen sich in Entwicklung befindlichen Charakter verleiht.

Die erste Regel der pataphysischen Methode ist nämlich, dass es keine Regeln gibt.

Der Beitrag jedes an dem Projekt mitwirkenden Künstlers (d.h. die gesamte Vorarbeit) erfüllt das Bild mit Leben. Viele Dinge passieren während des Sets. Natürlich bringen wir schon eine Grundstruktur mit, aber das sind nur die großen Linien. Das, was von vornherein feststeht, ist der Ort, ein Weltentwurf, ein Rahmen, dazu Licht, Geschichte und Charaktere. All das kann aber während des Sets abgeändert werden. Die Umsetzung hat etwas mit einem Happening zu tun, ist sehr organisch. Jeder hat mehr Freiheit, ist daher eher bereit, auf seinen schöpferischen Beitrag zu achten, was einem entsprechenden kreativen Ansatz förderlich ist.

 

ZU DEN SÜNDEN

ACCIDIA - TRÄGHEIT / LA PARESSE / SLOTH

Der Verlust selbst des passiven Widerstands der Trägheits-Charaktere ist seine Todsünde. Diese Paralyse ebenso spirituell wie physisch kontaminiert seine Umwelt; dieses kalte Licht, diese unfruchtbare Mondlandschaft, die zu drei Viertel eingemauerte Bibliothek, die Wucherungen der Industrieabfälle regnen von der Decke oder fallen wie ein Wasserfall, das komplizierte Geflecht der Entleerung - Zufuhr zerfurcht den Raum in alle Richtungen – all dies verpestet er durch seien Datenhandschuh und seine Körperöffnungen. Unter seinen Füssen transformieren Sphären zu Kubismen.
Um sein Universum mit Ratte, Spinne und Fledermaus zu teilen – fünf kleine proletarische Klone, rezykliert aus Metropolis und antiken Filmschinken oder aus dem Repertoire eines Grand-Guignol, halten die Maschine in Betrieb, halten Haus und erlauben sich einen kleines Erholungsschläfchen, ein bisschen Unterhaltungsmusik (Rigoletto oder Schönberg?) unter einem an die Wand „getackerten“ Abbild eines noch unbekannten britischen Photographen – und sogar ein überraschter Blick in die Kamera.
Hinter der sandigen Scheibe und jenseits der Fenstergitter hat jemand (Breughel?) ein Feuer in die Nacht gemacht. Wie das Wasser kalt sein muss in dem Pokal – Gefäß zur Hälfte voll … und leer.




SUPERBIA - STOLZ / ORGUEIL / PRIDE

Die einzige, ausschließlich menschliche, der sieben Sünden – die eines modernen Charakters, die eines provokativen Geistes, die eines Attentats auf Gott; die „Kreation“ ist stolz (nicht wahr?)

Der da mit sechs Fingern für eine Hand, gleichsamer Besitzer zweier sexueller Identitäten, dem all diese Schuhe wie angegossen auf seinen Fuß passen müssen. Posierend als Majestät (und posierend zum Selbigen), artet sein Abbild in einem Überfluss aus, einem Überfluss allegorischer Spiegelbilder der sechs anderen Sünden, derart, um aus ihm die Summen der menschlichen Nichtigkeiten zu rechtfertigen.
Er hat Alles, er ist Alles.
Nur Raum für dies Einzig-Sein in diesem abgeschotteten Schmuckkästchen aus blauem Samt (Yves Klein).
Auch bei manischer Prüfung (Betrachtung) lässt sich nur schwer ein nüchterner cinematographischer Gegenschuss in einem sphärischen Spiegel entdecken (ähnlich dem der « Hochzeit von Arnolfini » von J. Van Eyck): die Kamera und die Operateure im Begriff die Photographie zu „drehen“. Aber der Elan des Schaffenden, kommt er jemals zum Menschen in einer Periode der Demut oder doch in diesen Perioden der Unbeschwertheit, die sie für Wohlstand halten, und die im Gegenteil nichts Anderes ist als ein provokativer Geist gegen die Götter in seiner höchsten Spannung (Jean Giraudoux) ?
Währenddessen gockelhaft trohnend auf der superben „Herztüte“ von Verner Panton, in seinem Bildschirm der halb beleuchtete Globus ist doch nur eine mezza terra – man kann Nichts ganz alleine tun.



GULA - VÖLLEREI & TRUNKSUCHT / LA GOURMANDISE / GLUTTONY

Zur Deklination dieses Lasters, eine Schlemmerin und drei Schlemmer: die Nymphomanie-Bürgerliche, der Über-Völler, der Säufer-Jäger, der toxicomane-Dandy. Vier Stereotypen für ein Bild eines busy-home-magazine « gently devastaded ».

Und, in diesem Innenraum - warm und rund wie ein Bauch – befinden sich – fünf – sehr kühle, Fluchten: die Nacht hinter dem Fenster, das Blau und das Grün der beiden Hinterzimmer, der graue Schnee im TV-Bildschirm und die eindringende Lichtreflexion der Morgendämmerung durch die Wolfs-Türe.
Außer diesem, unserem Schlemmerwolf, sind unsere Freunde, die Tiere, tot – ausgestopft, aufgeschnitten, gekocht, verändert.

Was wird man sagen - über die Vitrine, der zwölf sich um ihr Zifferblatt drehenden Uhren, über den aus der Scheiße extrahierten kleinen Goldklumpen, über den Austernkorb unter einem Kruzifix, über das in einer Türkante steckende Pfeilchen, über den im Gemüse versteckten Colt und über die am Fuße einer modernden Mauer am Holzboden liegenden fünf Brotleibe?
Was wird man sagen – über die Grimassen dieses eifrigen Haushofmeisters, über diese am Tisch ausgestellten lebendigen Rubens Rehaugen und das Abbild in diesem Spiegeloval – herausgeschnitten wie aus einer gestohlene Leinwand?

Was wird man sagen, über all diese Stimuli, welche die Szene bevölkern?

Kein Tropfen klares Wasser in all dem. Und, penibel im Zentrum, da befindet sich der Knauf des Spazierstockes – kleine Sphäre.

 

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Webart by J. Ric Urban